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Historische Festungen  - die Burgen der Neuzeit


Nach dem Burgenbau des 13. und 14. Jahrhunderts werden Burgen noch erweitert und wohnlicher gemacht, einzelne Burgen werden verstärkt, um der Bedrohung durch die neuen Feuergeschütze standhalten zu können.
Doch der Festungsbau der Renaissance und des Barock mit seiner strengen Geometrie übernimmt alle bewährten Prinzipien der Burgenarchitektur. Und 1935 übernimmt das Eidgenössische Büro für Befestigungsbau BBB in seine Standards für über 2000 Festungsbauten uralte Prinzipien der Wehrarchitektur, die jedem Burgenfreund sehr vertraut sind.


Mittelalterliche Talsperre Juvalt und militärische Sperrstelle Juvalta links von 1941: Statt der U-förmigen Sperrmauer mit zwei Burgtoren von 1216 sperrt nun ein U-förmiges Panzerhindernis mit Zugstangenblöcken die mittelalterliche Reichsstrasse von Augsburg nach Rom. Illustration von Joe Rohrer nach einer Skizze von FWN.


In siebenhundert Jahren haben sich die Orte kaum geändert, wo ein Gegner am Besten aufzuhalten sei. In einer ganzen Reihe von Fällen nutzt des moderne Festungsbau historische passages obligés, die im Mittelalter von Burgen gehalten wurden. Allein im Kanton Graubünden gibt es viele solche Doppelbesetzungen: Minenwerfer und Burg Neuburg in Untervaz, Artilleriewerk Molinära und Burg Alt-Aspermont in Trimmis, Infanteriewerk und Burg Hohentrin im Felsen von San Parcazi Trin, Werk Felsenbach und Burg Fracstein in der Klus bei Landquart, Werk Juvalta und Burg Juvalt in Rothenbrunnen, Werk Reischen und Burg Reischen über Zillis, Werk Splügen und Burg Splügen...

Am Beispiel der Talsperre von Juvalt sehen wir alle mittelalterlichen Defensiveinrichtungen an einer modernen Festung in beispielhafter Weise:


Burg

Türen werden mit hölzernen Sperrbalken verriegelt
  

Bein Churer Tor liegt ein mächtiger Sperrbalken in einem Kanal im Mauerwerk bereit, der über die  ganze Wegbreite der Rÿchsstrass reicht.

  
Der Zugang zur Burg Juvalt führt durch Zwinger, deren Tore nicht in einer Achse liegen, sondern  verwinkelt, um das Aufbrechen mit einem Widder zu erschweren.
  
Der Hocheingang zum Turm liegt 7 Meter überBoden, die Treppe kann entfernt werden.
  
Über den Toren gab es Auswurföffnungen fürSteine oder ganze Wehrlauben zum selben Zwecke.
Festung

Panzertüren werden mit stählernen Sperrträgern verriegelt

In den Zugstangenblöcken aus Beton des Panzerhinder-nisses über die historische Rÿchsstrass liegen Eisenbahnschienen bereit, die über die ganze Wegbreite gehen.

Der Zugang zum Werk Juvalta ist verwinkelt angelegt,um eine direkte Waffenwirkung auf die innere Panzertüre zu verunmöglichen.
  
Der Eingang der Festung liegt 7 Meter über Boden.Die Leiter kann mit wenigen Griffen entfernt werden.
  
Neben jeder Türe gibt es Auswurföffnungen für Handgranaten, um Angriffe auf die Türen abzuwehren.


Es war denn auch das einmalige Ensemble von mittelalterlicher Talsperre und moderner Talsperre von Rothen-brunnen, die dazu führte, dass PRO CASTELLIS ab 2004 seine Tätigkeiten und Zielsetzungen von mittelalter-lichen Burgen auf historische Wehrbauten vom Mittelalter bis zur Gegenwart ausdehnte. Zuerst ermöglichte sie die Gründung der Militärhistorischen Stiftung des Kantons Zürich, um das einzige Artilleriewerk des Kantons zu retten - ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung. Dann begann sie in Absprache mit dem VBS, selbst in Zerfall begriffene Festungen zu übernehmen, um sie zu restaurieren und zugänglich zu machen. So ist das weitläufige Infanteriewerk Juvalta links heute vollständig saniert und originalgetreu eingerichtet. Nur der geheime Goldtresor Nr. 4 der Nationalbank aus dem Jahre 1940 muss leider ohne sein Lagergut gezeigt werden... 

Das VBS hatte zusammen mit der eidgenössischen Denkmalpflege im Bundesamt für Kultur frühzeitig den historischen Wert von Festungen als Zeugnisse unserer Landesgeschichte erkannt und mit einer Gruppe von Denkmalpflegern der Kantone und des Bundes für jeden Kanton ein detailliertes Inventar der militärischen Baudenkmäler angelegt. Diese sehr wertvollen ADAB- Bundesinventare sind seit 2004 die Grundlage der denkmalpflegerischen Erhaltungsmassnahmen von PRO CASTELLIS an rund 30 militärischen Baudenkmälern
in den vier Kantonen Graubünden, St. Gallen, Zürich und Bern.



Die mehrere Kilo schweren Kantonsinventare ADAB erzählen über Funktion und Baugeschichte von hunderten von Festungswerken. Hier das Inventar Graubünden mit der Seite über unser Infanteriewerk A 7678 Maloja Kulm. Die Inventare liegen bei den Denkmalpflegen der Kantone und sind die massgebliche Grundlage für den Umgang mit diesen Geschichtszeugen.  Von den 91 Sperrstellen Graubündens haben 11 Sperrstellen nationale Bedeutung, 25 Sperrstellen sind Baudenkmäler von regionaler Bedeutung, 21 Sperren haben eine lokale Bedeutung. Und 34 Sperren sind ohne denkmalpflegerische Bewertung geblieben, sie dürften bei Bedarf auch entfernt werden.


Mitten zwischen den Burgen des 13. und 14. Jahrhunderts und den historischen Festungen des 20. Jahrhunderts liegen die barocken Stadtbefestigungen des 17. Jahrhunderts. An die mächtigen Schanzen um unsere Städte erinnern meist nur noch Namen wie Bauschänzli, Bollwerk oder Schanzengraben, sie mussten im 19. Jahrhundert dem Wachstum der Städte weichen. In Solothurn sind ansehnliche Reste solcher Befestigungen erhalten, in Zürich dagegen nur gerade eine Kaverne des Bastion "Katz" am Schanzengraben und die fünfeckiche Schanze in der Limmat, das "Bauschänzli". Zürich befestigte im 17. Jahrhundert auch seine Landvogteien "nach französischer Manier": Eglisau, Regensberg, Grüningen, Wädenswil. Am Ostende des Landstädtchens Regensberg hat sich die südöstliche Hälfte des Hornwerkes des Dielsdorfer Tores erhalten. Die Schanze von 1678 mit innenliegendem Kampfstand ist das einzige Baudenkmal des Barock, das von PRO CASTELLIS unterhalten wird. Die in die Schanze eingebaute Festung wurde 2014 baulich saniert.



Am Ostende des mittelalterlichen Städchen Regensberg bei Dielsdorf liegt das Amtshaus, der letzte Sitz des zürcherischen Landvogtes bis 1798. Heute beherbergt es Wohnungen und Repräsentationsräume des Kantons Zürich. Die Gartenanlage liegt auf einer Schanze von 1678, der Hälfte eines Hornwerkes. Von diesem Hornwerk aus konnte  ein Angreifer von beiden Seiten unter Feuer genommen werden, wenn er gegen das in der Mitte liegende Tor vorging. Gut erkennbar die beiden Scharten der kleinen Festung, die in die Schanze integriert wurde. Wie ein Schiffsbug ragt die Spitze des Hornwerkes in den Himmel...



Zwei aktuelle Erhaltungsprojekte historischer Festungen:


A 1780 Schweizerhof Gstaad

2016 und 2017 wird in Gstaad die grosse Führungsanlage A 1780 vollständig saniert und im Originalzustand von 1990 erhalten. Sie ist ein Baudenkmal der höchsten Erhaltungsstufe: Baudenkmal von nationaler Bedeutung mit dem Auftrag der integralen Erhaltung.



Führungsanlage A 1780 Oberbort Gstaad, Deckname "Schweizerhof". Die grosse Anlage mit Hauptstollen und 12 seitichen Kavernen erstreckt sich fast 150 Meter in den Berg hinein. Blick in den Hauptstollen und in die Energiezentrale mit ihren mächtigen SULZER-Schiffsdieseln von 1937. Die Anlage diente der Kaderorganisation für den Widerstand im feindbesetzten Gebiet bis zum Ende des kalten Krieges in geheimer Doppelfunktion: In Friedenszeit war sie das unterirdische Ausbildungs-zentrum für die Frauen und Männer der 80 regionalen Widerstandszellen, bei einer Teilbesetzung der Schweiz durch fremde Truppen, wäre Gstaad Inland-Führungsstandort und Nachrichtensammelstelle gewesen. Über chiffrierten Kurzwellenfunk hätten die Funkerinnen und Funker der Widerstandszellen täglich ihre Lageschilderungen aus den besetzten Gebieten gesendet, die hier für den nahen Kriegsstandort des Bundesrates zu einem Lagebild aufgearbeitet worden wären. Die geheime Wider-standsstruktur der Schweiz bestand über fünfzig Jahre  vom 7. September 1940 bis zur Auflösung durch den Bundesrat nach dem Ende des Kalten Krieges im November 1990. Die Akten der geheimen Kaderorganisation wie auch die Akten des Baudenkmals "Schweizerhof" unterliegen bis zum Jahre 2041 der 50-jährigen Schutzfrist.  PRO CASTELLIS hat die Anlage 2015 übernommen und erfüllt daran den durch das Bundesinventar ADAB vorgegebenen Denkmalpflegeauftrag. 



A 7678 Infanteriewerk Maloja Kulm

Im Juni 1940 war der Angriff der sechs italienischen Divisionen auf das Tessin und Graubünden bis ins Detail geplant. Aber Mussolini wollte erst zuschlagen, wenn Hitlers 23 Divisionen die Schweiz von Westen und Norden angreifen würden. Das konnten die Soldaten nur ahnen, die im Sommer 1940 in den weitverzweigten Stollen der feuchten Festung auf dem Malojapass ihren eher monotonen Dienst versahen, nur gerade unterbrochen durch das tägliche Frühturnen im Freien. Bis zum Ende des Kalten Krieges wurde das Werk unterhalten und modernifiziert. Dann wurde es ausgeräumt und dem rasch fortschreitenden Zerfall anheimgegeben.


Ein verlassener Stall am Waldrand. So sollte es zumindest angreifenden italienischen Gebirgstruppen vorkommen. Doch wenn im Innern an einer Kurbel gedreht wird, hebt sich die ganze Stallwand mit Gegengewichten lautlos in die Höhe und gibt die Mündung eines schweren Maschinengewehres frei und den Auswurfschacht für Handgranaten. Die ganze Festung A 7678  Maloja Kulm ist sorgfältig getarnt. Bild Hans Stäbler.



A 7678 Maloja Kulm mit geschlossenen und geöffneten Schartentarnungen. Die künstlichen Felsen sind nicht etwa aus Pappmaché, sondern aus einer Rohnkonstruktion, die mit Bienengitter überzogen, mit Zementkleber gespachelt unf in den Felsfarben bemalt wird. Bilder von Zarko Hanzeck und Hans Stäbler.


Im Gegensatz zu vielen historischen Festungen, die von PRO CASTELLIS um ihres Wertes als Baudenkmal für die Nachwelt erhalten werden, soll das Werk Maloja Kulm auf dem Pass als Festungsmuseum für das Bergell, das Oberengadin und die Tourismusregion St. Moritz ganzjährig der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das


MUSEO FORTEZZA MALOJA

soll in der zweiten Jahreshälfte 2017 den Betrieb aufnehmen. Es kann gerade den ausländischen Gästen des Engadins zeigen, mit welcher Sorgfalt und Ernsthaftigkeit sich die Schweiz auf einen Angriff des faschistischen Italien vorbereitet hat.

Das völlig leergeräumte und nasse Werk wird 2016 baulich saniert. Die fünf Stände und die beiden Unterkünfte werden trocken gelegt, die Infrastruktur neu nach heutigen Vorschriften angelegt, mehrere hundert Betonschäden  repariert. Eine neue Entfeuchtungsanlage soll im Dauerbetrieb das Werk trocken halten. Nach Rostentfernung wird gemalt, die Defekte an den Schartentarnungen werden behoben und das Eingangsbauwerk mit seinem schadhaften Steinplattendach vollständig überholt.

2017 wird das Werk mit der originalen Einrichtung und der originalen Bewaffnung aus der Sammlung von PRO CASTELLIS versehen und die zerstörten Blechpanoramen rekonstruiert. Dann folgt die didaktische Aufbereitung der Informationen in acht Sprachen, die den Besuchern über das AUDIOGUIDE-System angeboten werden. 





Einen Angriff auf die Sperren am Malojapass durch die Gebirgstruppen Mussolinis sollte das Werk Maloja Kulm mit fünf schweren Maschi-nengewehren und einer Panzerabwehrkanone aufhalten. Links der Stand dieses Geschützes im Zustand von 2014, bei der Eröffnung des  MUSEO FORTEZZA MALOJA im Jahre 2017 soll der Stand saniert und eingerichtet sein wie sein Pendant in einem bereits sanierten Werk.

Das Museum kann ganzjährig in Gruppen besucht werden. Im Sommer 2017 werden lokale Guides ausgebildet, die von den Tourismusorganisationen für Führungen aufgeboten werden.